Anlässlich des 65. Jahrestages des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens regen der Landtagsabgeordnete Hartmut Ganzke und der ehemalige Schwerter Ratsherr Engin Izgi an, einen dauerhaften Gedenk- und Würdigungstag in Nordrhein-Westfalen zu verankern. Mit ihrer Initiative haben sich Ganzke und Izgi an Jochen Ott, den Spitzenkandidaten der NRWSPD und Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion, gewandt. Sie bitten ihn, den Vorschlag gemeinsam mit Partei und Fraktion aufzugreifen und politisch voranzubringen.
"Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter haben entscheidend zum wirtschaftlichen Aufstieg Nordrhein-Westfalens beigetragen. Sie arbeiteten in Bergwerken, Stahlwerken und Fabriken, im Handwerk und in vielen weiteren Bereichen, häufig unter schweren Bedingungen. Diese Lebensleistung verdient nicht nur an runden Jahrestagen Anerkennung, sondern einen festen Platz in der Erinnerungskultur unseres Landes“, erklärt Hartmut Ganzke.
Das deutsch-türkische Anwerbeabkommen wurde am 30. Oktober 1961 geschlossen. Bis zum Anwerbestopp im Jahr 1973 kamen rund 870.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus der Türkei in die Bundesrepublik. Die Arbeitsmigration reichte jedoch weit darüber hinaus: Seit 1955 schloss die Bundesrepublik Anwerbeabkommen unter anderem mit Italien, Spanien, Griechenland, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien. Insgesamt kamen bis 1973 rund 14 Millionen Menschen auf diesem Weg nach Westdeutschland; etwa elf Millionen kehrten später in ihre Herkunftsländer zurück.
Viele blieben, holten ihre Familien nach und fanden in Deutschland eine neue Heimat. Sie übernahmen häufig körperlich schwere Tätigkeiten, arbeiteten im Schicht- oder Akkordbetrieb und waren zugleich mit Ausgrenzung und Alltagsrassismus konfrontiert. Gemeinsam mit ihren Familien haben sie Nordrhein-Westfalen wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell geprägt.
„Für unsere Eltern war Deutschland zunächst ein Arbeitsort. Für ihre Kinder und Enkel ist Nordrhein-Westfalen Heimat“, betont Engin Izgi, selbst Sohn einer Gastarbeiterfamilie der ersten Stunde. „Unsere Familiengeschichten gehören deshalb nicht an den Rand, sondern in die Mitte der Geschichte dieses Landes. Ein Gedenk- und Würdigungstag wäre ein sichtbares Zeichen des Respekts gegenüber der ersten Generation.“
Nach den Vorstellungen der Initiatoren soll der Gedenk- und Würdigungstag kein zusätzlicher gesetzlicher Feiertag sein, sondern ein landesweiter Erinnerungs- und Aktionstag. Der 30. Oktober, der Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens, könnte dafür den historischen Bezugspunkt bilden. Gewürdigt werden sollen dabei ausdrücklich die Menschen aus allen früheren Anwerbeländern sowie die Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter der DDR. Vorgeschlagen werden eine jährliche zentrale Veranstaltung des Landes, dezentrale Aktionen in Kommunen und Betrieben, Zeitzeugengespräche, Ausstellungen sowie Bildungsangebote für Schulen. Migrantenorganisationen, Integrationsräte, Gewerkschaften, Unternehmen, Archive und Museen sollen an der Ausgestaltung beteiligt werden.
„Das 65-jährige Jubiläum ist die richtige Gelegenheit, aus punktueller Erinnerung eine dauerhafte Kultur der Anerkennung zu machen“, erklären Ganzke und Izgi gemeinsam. „Damit verbinden wir den Dank an die erste Generation mit einem klaren Signal für Zusammenhalt und gleichberechtigte Teilhabe und gegen Ausgrenzung.“